Warum Jiddisch und Deutsch ähnlicher sind, als man denkt

Wieso klingt Jiddisch für deutsche Ohren so vertraut? Erfahre, wie sehr sich diese beiden Sprachen in ihrer gemeinsamen Geschichte beeinflusst haben.
Artikel Von Sarah Waldmann
01/12/2020
Warum Jiddisch und Deutsch ähnlicher sind, als man denkt

„Di klejder in welche du hosst gesen mich / sej wern kejnmol nischt alt“. Klingt verständlich und doch irgendwie seltsam? Was dir vielleicht vorkommt wie ein unbekannter süddeutscher Dialekt, ist der Anfang eines Gedichts der bekannten Dichterin Rajzel Zychlinsky, die ihre Lyrik auf Jiddisch verfasste.

Bis vor Kurzem hätten sich viele noch gefragt: Jiddisch? Wird das überhaupt noch gesprochen? Aber spätestens seit der preisgekrönten Netflix-Serie Unorthodox, die von der Flucht einer chassidischen Jüdin aus ihrer ultraorthodoxen Gemeinde in Williamsburg, New York, erzählt, ist die einst beinahe ausgerottete Sprache wieder im Bewusstsein unserer Gesellschaft angekommen und erfreut sich überall eines stetig wachsenden Interesses. Und vielleicht warst du ebenso erstaunt wie ich, wie viele jiddische Ausdrücke man mit Deutschkenntnissen versteht. Aber warum ist das so? Die spannende Geschichte des Jiddischen und sein großes Erbe im Deutschen wird dir die Sprache verschlagen …

Jiddisch: Eine alte Sprache mit tragischer Geschichte

Jiddisch entwickelte sich aus dem mittelalterlichen Deutsch und war seit dem 11. Jahrhundert die Alltagssprache der aschkenasischen Juden im deutschen Sprachraum. Zum deutschen Grundgerüst kamen zahlreiche hebräisch-aramäische, romanische und slawische Elemente, die teils aus der jüdischen Tradition, teils aus der jeweiligen Umgebung ins Jiddische einflossen. Während die Sprache selbst schon an die 1000 Jahre alt ist, exisitiert die Bezeichnung „Jiddisch“ (von engl. Yiddish) übrigens erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Geschichte des Jiddischen und seiner Sprechenden war über die Jahrhunderte hinweg stets von Ausgrenzung und Verfolgung geprägt. Besonders der Schwarze Tod, eine der schlimmsten Pandemien der Weltgeschichte, führte im 14. Jahrhundert zu Judenpogromen im deutschen Sprachraum. Deshalb flüchtete ein großer Teil der jiddischsprechenden Bevölkerung nach Osteuropa. Hier nahm Jiddisch viele slawische Elemente auf und wurde zu einer lebendigen Kultursprache (Ostjiddisch), während sich Westjiddisch mit dem Deutschen mitentwickelte und zusehends an Sprechenden verlor. Wenn heute von Jiddisch die Rede ist, meinen wir damit also eigentlich immer Ostjiddisch – Westjiddisch wird so gut wie nicht mehr verwendet.

1939 sprachen zwischen 11 und 13 Millionen Menschen Jiddisch als Muttersprache, die meisten von ihnen lebten in Europa. Dann gipfelte der jahrhundertelange Antisemitismus schließlich in den Schrecken des Holocausts, in denen Jiddisch beinahe ausgerottet wurde. Heute gibt es nur noch rund 1,5 Millionen Jiddischsprechende, von denen ein Großteil den ultraorthodoxen Gemeinden in den USA, Amsterdam und Jerusalem angehören. Doch ausgerechnet da, wo Jiddisch so gewaltsam vertrieben wurde, versteht man es heute noch am besten …

Warum Jiddisch und Deutsch ähnlicher sind, als man denkt

Warum verstehen Deutsche so viel auf Jiddisch?

1. Jiddisch ist eine germanische Sprache

Jiddisch und Deutsch sind beides westgermanische Sprachen und dadurch eng verwandt. Somit ist Jiddisch keine semitische Sprache wie etwa Hebräisch, selbst wenn es von zahlreichen hebräisch-aramäischen Einflüssen geprägt ist. Und genau hier ist der Haken an der Sache mit der leichten Verständlichkeit: Gesprochenes Jiddisch zu verstehen ist eine Sache, Jiddisch zu lesen eine ganz andere. Denn obgleich die jiddische Sprache zu den germanischen zählt, wird Jiddisch mit dem hebräischen Alphabet geschrieben.

2. Ähnliche Grammatik

Die jiddische Grammatik basiert größtenteils auf dem Deutschen. So hat Jiddisch ebenso wie Deutsch vier Fälle und drei grammatikalische Geschlechter (männlich, weiblich und sächlich) sowie dementsprechend die bestimmten Artikel der, di und doß. Viele Verben, die im Deutschen unregelmäßig sind, sind es auch im Jiddischen (z. B. schrajbn „schreiben“ – geschribn „geschrieben“). Selbst die Eigenheit deutscher Zahlen, die Einerstelle vor der Zehnerstelle zu nennen (34 = vierunddreißig), ist auch im Jiddischen zu finden (fir un drajßik).

3. Vokabular

Trotz der zahlreichen hebräischen und slawischen Einflüsse ist der Großteil des jiddischen Vokabulars deutschen Ursprungs. Deshalb kommst du wahrscheinlich ganz einfach darauf, dass sheyn meydele „schönes Mädchen“, frum „fromm“, arbeyter „Arbeiter“ und ojgn „Augen“ heißt.

Umgekehrt hat auch das Deutsche zahlreiche Wörter aus dem Jiddischen entlehnt. Viele davon nutzen wir tagtäglich, ohne uns deren jiddischen Ursprungs bewusst zu sein …

Warum Jiddisch und Deutsch ähnlicher sind, als man denkt

Welche jiddischen Lehnwörter gibt es im Deutschen?

Die meisten denken wahrscheinlich sofort an Chuzpe, meschugge, Tacheles und Schlamassel. Doch das ist noch längst nicht alles! Würde man wirklich alle jiddischen Ausdrücke aufzählen, die ihren Eingang ins Deutsche gefunden haben, könnte man ein kleines Buch damit füllen. Hier kommen ein paar Wörter, die dir vielleicht typisch Deutsch vorkommen, die aber tatsächlich aus dem Hebräischen stammen und über das Jiddische ins Deutsche gelangten:

  • betucht: von jidd. betuch, „sicher, vertrauenswürdig“
  • einschleimen: von jidd. schelem, „Dank“
  • schmusen: von jidd. schmuo, „Gerede, Gerücht“
  • pleite: von jidd. pleto, „Flucht (vor Gläubigern), Bankrott“
  • zocken: von jidd. zchoken, „spielen“
  • Hals- und Beinbruch: von jidd. hasloche und broche, „Erfolg und Segen“
  • Kaff: von jidd. kefar, „Dorf“
  • Knast: von jidd. knas, „Geldbuße, Strafe“
  • mies: von jidd. mis, „schlecht, ekelhaft“
  • Stuss: von jidd. schtus, „Unsinn“
  • vermasseln: von jidd. masol, „Glück, Stern“
  • Zoff: von jidd. sof, „Ende“

Der Berliner Dialekt hat übrigens noch eine ganze Menge mehr an jiddischen Lehnwörtern aufzuweisen: Man denke nur an malochen („arbeiten“), Daffke („Trotz“, von jiddisch davko, „Trotz“), dufte („toll“, von jiddisch tov, „gut“) oder angeschickert („angetrunken“, von jiddisch schikur, „Trunk“). Der besondere Einfluss des Jiddischen auf den Berliner Dialekt kommt nicht von ungefähr: Im Jahr 1671 gewährte der Kurfürst von Brandenburg Friedrich Wilhelm 50 jüdischen Familien aus Wien Asyl in Berlin. Viele Begriffe und Ausdrücke der wachsenden jüdischen Gemeinde gingen in den allgemeinen Sprachgebrauch über und prägten den Berliner Jargon, wie wir ihn heute kennen.

Warum Jiddisch und Deutsch ähnlicher sind, als man denkt
Credit: Unorthodox / Netflix

Ein negativer Beiklang

Die gemeinsame Geschichte des Jiddischen und des Deutschen spiegelt sich also immer noch in zahlreichen Alltagsanwendungen und Dialekten wider. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass diese Geschichte auch ein dunkles Kapitel hat. Denn mit zunehmendem Antisemitismus benutzte man jiddische Ausdrücke ab Ende des 19. Jahrhunderts, um jüdische Bürger*innen zu verspotten und zu diffamieren. Das sehen wir auch heute noch daran, dass viele jiddische Lehnwörter im Deutschen einen negativen Beiklang haben. Das jiddische Wort mischpoke (von hebr. מִשְׁפָּחָה, [mischpacha]) heißt einfach nur „Familie“, im Deutschen verwenden wir Mischpoke allerdings abwertend im Sinne von „Sippschaft“ oder „üble Gesellschaft“. Ähnlich verächtlich klingen „Ische“ (von hebr. אישה, [ischa], „Frau“) und „schachern“ (jidd. sachern, „handeln“) mit der Bedeutung „unlauteren Handel treiben“.

Trotz aller Ausgrenzung, die Jiddisch und seine Sprechenden erfahren haben, ist die aus dem Deutschen entstandene Diasporasprache ihrerseits selbst wieder zum Teil des Deutschen geworden. Rabbiner Andreas Nachama formuliert es in seinem Buch Jiddisch im Berliner Jargon treffend: „Wenn also vom Beitrag des Hebräischen oder Jiddischen am Deutschen (…) die Rede ist, geht es nicht um etwas Fremdes, Eingesetztes, sondern um Teilhabe, einen aktiven Anteil an der Sprachentwicklung.“

Ob du eine Sprache lernen willst, die deutschen Muttersprachler*innen so leicht fällt wie Jiddisch oder lieber die Herausforderung suchst: Sprachenlernen verbindet und eröffnet dir neue Perspektiven auf andere Kulturen.

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Sarah Waldmann
Am Bodensee mit multidialektalem Hintergrund aufgewachsen, beherrscht Sarah mittlerweile mehr als nur Schwäbisch und rudimentäres Plattdeutsch: Nach Abi und Andenabenteuern zog sie nach Berlin und studierte dort Spanisch und Portugiesisch. Einige Auslandaufenthalte auf der Iberischen Halbinsel später forscht sie nun zu Spracherwerb und schreibt als freie Autorin über Sprachen, Gott und die Welt.
Am Bodensee mit multidialektalem Hintergrund aufgewachsen, beherrscht Sarah mittlerweile mehr als nur Schwäbisch und rudimentäres Plattdeutsch: Nach Abi und Andenabenteuern zog sie nach Berlin und studierte dort Spanisch und Portugiesisch. Einige Auslandaufenthalte auf der Iberischen Halbinsel später forscht sie nun zu Spracherwerb und schreibt als freie Autorin über Sprachen, Gott und die Welt.

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