Kolonialisiert Englisch andere Sprachen?

“Streaming,” “App,” und “CEO”: Kolonialisiert Englisch unsere Sprache? Erfahre, warum wir so viele englische Lehnwörter benutzen, was die Ursachen und Folgen sind und wie andere Sprachen mit Anglizismen umgehen.
Artikel Von Sarah Waldmann
10/11/2020
Kolonialisiert Englisch andere Sprachen?

Wir downloaden Apps auf unser Smartphone, streamen Blockbuster und speichern in Clouds. In der Social-Media-Welt hinterlassen wir Likes und checken, wie viele Follower unser Account hat. Und Dinge, die wir ausgefallen und besonders finden, bezeichnen wir gern als fancy. WTF? Es sieht ganz so aus, als hätte die englische unsere deutsche Sprache fest im Griff. Selbst bereits existierende Begriffe werden durch englische Ausdrücke ersetzt. Und das ist nicht immer positiv zu bewerten.

Aber wie kommt es überhaupt zu diesen zahlreichen Entlehnungen? Und geht es anderen Sprachen ähnlich? Hier erfährst du, warum das Englische andere Sprachen zu kolonialisieren scheint, welche Auswirkungen das auf Sprachen und Wahrnehmung hat und wie andere Sprachen mit Anglizismen umgehen.

Warum entlehnen wir Ausdrücke aus anderen Sprachen?

Alle Sprachen der Welt sind beständigem Wandel unterworfen. Wörter aus anderen Sprachen zu übernehmen und nach den eigenen Regeln umzumodeln, ist nur einer von vielen Prozessen dieses Sprachwandels. Wird ein Fremdwort in die eigene Sprache integriert und nach deren Aussprache- und Grammatikregeln gestaltet, spricht man nicht mehr von einem Fremdwort, sondern einem Lehnwort. Ein Beispiel hierfür ist das vom Englischen to download entlehnte Verb „downloaden“, aus dem man im Deutschen mittlerweile von „downgeloadet“ bis hin zu „downloadbar“ alles machen kann. Und Lehnwörter wie „Fenster“ (von lat. fenestra) erscheinen uns heute ohne jede Frage wie ein urdeutsches Wort.

Die Gründe für Entlehnungen aus anderen Sprachen sind vielfältig: Mal erfordern technische Errungenschaften neue Wörter (Telegramm, Lokomotive, Auto), mal kann mit einem Fremdwort eine kleine Bedeutungsnuance ausgedrückt werden (Feier versus Party). In manchen Fällen führt auch das hohe Ansehen einer Sprache dazu, dass ihr Vokabular von einer anderen Sprache gemopst wird – man denke an die Zeit, als Französisch die Sprache des europäischen Adels war und aufgrund des hohen Prestiges (Achtung, Lehnwort!) zahlreiche Spuren im Deutschen hinterließ. Und besonders auch die Kolonialisierung führt(e) dazu, dass Sprachen sich ausbreiten und andere Sprachen dominieren oder sogar verdrängen. Der gesamte amerikanische Kontinent ist ein Beispiel dafür, wie die Sprachen der Eroberer – Englisch, Spanisch und Portugiesisch – die amerindischen, ursprünglichen Sprachen in weiten Teilen unterdrückten und verdrängten – mit zum Teil existentiellen Folgen für die sprachliche Vielfalt. Aber kolonialisiert Englisch als übermächtige Weltsprache auch heute noch andere Sprachen? 

Kolonialisiert Englisch andere Sprachen? 

Auch heute nimmt die englische Sprache in der westlichen Welt noch eine deutliche Vormachtstellung ein – und fördert Ausgrenzung. Das betrifft das alltägliche Leben wie das berufliche: Viele technische Innovationen und wissenschaftliche Erkenntnisse stammen aus dem kalifornischen Silicon Valley oder von Forschenden amerikanischer Eliteuniversitäten. Unternehmen auf der ganzen Welt agieren zunehmend global, weshalb Firmenkommunikation immer mehr auf Englisch stattfindet. Ohne Englisch kann heutzutage quasi nicht mehr Karriere gemacht werden, gute Kenntnisse werden zumeist vorausgesetzt und die Chancen auf beruflichen Erfolg einzelner Gesellschafts- und Bevölkerungsgruppen so automatisch kleiner. Und das erscheint uns vollkommen normal und „ok”.

Auch in den Bereichen Kultur und Lifestyle ist Englisch das Nonplusultra, nicht zuletzt aufgrund der US-amerikanischen Film- und Musikindustrie. Deshalb hat Englisch für viele einen internationalen Touch, klingt gebildet, trendy und weltoffen. Mit anderen Worten: Ebenso wie einst das Französische (inzwischen von Englisch als Lingua franca verdrängt) genießt Englisch heute weltweit ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Durch seine Verwendung wollen Sprechende sich quasi eine Scheibe von dieser positiven Wirkung abschneiden. Deshalb werden auch bereits existierende Begriffe mit dem englischen Äquivalent aufgemotzt: Der berühmte Hausmeister ist heutzutage lieber Facility Manager und eine Geschäftsführerin, die etwas auf sich hält, nennt sich CEO (Chief Executive Officer). Unter jüngeren Menschen ist etwas nicht mehr nur schön, sondern nice, etwas älteren Jahrgangs und weiter verbreitet ist das Adjektiv cool. 

Und doch: Nicht alle Sprachen nehmen die Anglisierung einfach so hin. Ihr Werkzeug angesichts der Flut an Anglizismen heißt Purismus, die Bemühung, eine Nationalsprache möglichst von Fremdwörtern rein zu halten.

Wie gehen andere Sprachen mit englischen Lehnwörtern um?

Einige Sprachen wie das Niederländische flechten Anglizismen mit noch mehr Begeisterung ein, als wir im deutschen Sprachraum es tun. Auch im Japanischen gibt es in so gut wie jedem Bereich englische Lehnwörter, die die ursprünglichen japanischen Begriffe vollständig abgelöst haben, wie zum Beispiel bei フォーク (fôku, von englisch fork) für Gabel. 

Doch es gibt auch Länder, die mit dem englischen Einfluss auf ihre Sprache ganz anders umgehen und sich dagegen wehren, dass die englische die eigene Landessprache kolonialisiert: In Frankreich stellt das 1994 verabschiedete Loi Toubon unter anderem sicher, dass öffentliche Medien immer die französische Alternative anstatt des jeweiligen Anglizismus verwenden. Die Académie Française überwacht die richtige Verwendung des Französischen und führt, falls nötig, Neologismen ein, um englische Lehnwörter zu vermeiden: Wo wir ganz arglos Computer sagen, gebietet man in Frankreich dem anglophonen Treiben Einhalt und sagt stattdessen ordinateur.

Gleiches gilt für Spanien, wo die Real Academia de la Lengua Española (RAE), die sogar Werbung gegen die Verwendung von Anglizismen schaltet, das Wort ordenador einführte. Interessant dabei ist, dass computer eigentlich von computare aus dem Lateinischen stammt und somit romanischer als das Spanische oder Französische selbst ist. Übrigens: Im spanischsprachigen Lateinamerika, weiter weg vom Einflussgebiet der RAE, sagt man allen puristischen Neologismen zum Trotz computadora.

Englische Lehnwörter in anderen Sprachen

Es folgen ein paar englische Lehnwörter, die häufig in anderen Sprachen verwendet werden. Wenn du genau hinschaust, erkennst du, wie das englische Original an die Orthografie- und Ausspracheregeln der jeweiligen Sprache angeglichen wurde.

Spanisch

  • el táper, von engl. tupper („die Tupper-Dose“)
  • el espónsor, von engl. sponsor („der Sponsor“)
  • el/la friki, von engl. freaky („der Geek, die Nerdin“)
  • el parking, von engl. parking lot („der Parkplatz“) 

In Lateinamerika kommen noch einmal eine Reihe von englischen Lehnwörtern hinzu, die in Spanien eher nicht verwendet werden: sanduche (von sandwich, „belegtes Brötchen“), blúmers (von bloomer, „Unterhose“), bluyíns (von blue jeans, „Jeans“) oder concreto (von concrete, „Beton“).

Französisch

  • le scoop, von engl. scoop („die Exklusivnachricht“)
  • en live, von engl. live („live“)
  • overbooké/e, von engl. overbook („sehr beschäftigt, überbucht“)

Brasilianisches Portugiesisch

  • becape, von engl. backup („das Back-up, die Sicherheitskopie“)
  • beisebol, von engl. baseball („Baseball“)
  • voleibol, von engl. volleyball („Volleyball“)

Japanisch

  • テーブル (têburu), von engl. table („Tisch“)
  • ドア (doa), von engl. door („Tür“)
  • プール (pūru), von engl. pool („Pool“)
  • ペット (petto), von engl. pet („Haustier“)

Russisch

  • риэлтор, von engl. realtor („Makler/in“)
  • скейтборд, von engl. skateboard („Skateboard“)
  • компьютер, von engl. computer („Computer“)

Auf den tatsächlichen Sprachgebrauch scheinen die Bemühungen von Sprachvereinen und anderen Institutionen also wenig Einfluss zu nehmen. Und auch der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sowohl das Deutsche als auch andere Sprachen schon immer auf Entlehnungen zurückgegriffen haben. Ob der Ursprung unseres Vokabulars nun Latein, Griechisch, Französisch oder Englisch ist – im Laufe der Zeit wachsen die neuen Ausdrücke ins Deutsche hinein. So wie sich heute niemand mehr über „Nase“ (von lat. nasus) oder „Pfahl“ (von lat. palus) wundert, werden wohl auch „Software“, „Tools“ und „Admin“ in einiger Zeit als normale deutsche Wörter wahrgenommen werden. Denn Sprache ist wie die Menschen, die sie nutzen – immer im Wandel.

Sprache und Sprachentwicklungen zeichnen immer auch kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen ab. In Zeiten, in denen wir eine Bewegung hin zu mehr Inklusion und Vielfalt beobachten, besteht also die Hoffnung, dass neben der englischen auch andere Sprachen an universeller Bedeutung gewinnen können.

Beitragen können wir dazu alle – nicht zuletzt, indem wir eine neue Sprache lernen und sprechen!

Vor einem musst du dich jedenfalls nicht fürchten – vor neuen Sprachen! Lege noch heute los!
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Sarah Waldmann
Am Bodensee mit multidialektalem Hintergrund aufgewachsen, beherrscht Sarah mittlerweile mehr als nur Schwäbisch und rudimentäres Plattdeutsch: Nach Abi und Andenabenteuern zog sie nach Berlin und studierte dort Spanisch und Portugiesisch. Einige Auslandaufenthalte auf der Iberischen Halbinsel später forscht sie nun zu Spracherwerb und schreibt als freie Autorin über Sprachen, Gott und die Welt.
Am Bodensee mit multidialektalem Hintergrund aufgewachsen, beherrscht Sarah mittlerweile mehr als nur Schwäbisch und rudimentäres Plattdeutsch: Nach Abi und Andenabenteuern zog sie nach Berlin und studierte dort Spanisch und Portugiesisch. Einige Auslandaufenthalte auf der Iberischen Halbinsel später forscht sie nun zu Spracherwerb und schreibt als freie Autorin über Sprachen, Gott und die Welt.

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