Ist es kulturelle Aneignung, Drag Slang und Afroamerikanisches Englisch zu benutzen?

Deine neue „bae“ nennst du „woke“ und dein letztes Wochenende war „lit“. Aber weißt du, woher diese Begriffe kommen? (Und solltest du sie überhaupt verwenden?)
Ist es kulturelle Aneignung, Drag Slang und Afroamerikanisches Englisch zu benutzen?

Viele Begriffe in unserer Alltagssprache haben ihre Wurzeln in der einen oder anderen Subkultur – so zum auch Beispiel der Drag Slang. Durch die Verbreitung der sozialen Medien sind die Grenzen zwischen Subkultur und Mainstream immer mehr verwischt – der Mainstream hat viele beliebte Wörter und Ausdrücke von den so genannten „Randgruppen” übernommen.

Aber gehören diese Begriffe und Redewendungen eigentlich den Communitys, die sie kreiert haben? Und wo liegt die Grenze zwischen der natürlichen Entwicklung von Sprache und kultureller Aneignung? Eine Antwort auf diese Fragen ist schwierig. Aber versuchen wir es trotzdem mal … oder im Drag Slang: Let‘s spill that tea („mit der Wahrheit rausrücken, etwas ausplaudern”).

Yas Hunty, Drag Them („Los, Schätzchen, zieh sie durch den Kakao”) – die Anfänge des Drag Slangs

Dank beliebter Serien wie Ru Paul’s Drag Race und Queer Eye ist LGBT-Slang längst nicht mehr nur im Sprachgebrauch von Queers und Queens zu finden. Aber wenn du die Beförderung deiner besten Freundin mit dem Ausruf yas kween feierst oder jemanden mit throw shade beleidigst, berufst du dich (vermutlich unbeabsichtigt) auf eine reiche Kulturgeschichte, die von Ausgrenzung und Unterdrückung geprägt ist.

Die Drag-Szene, wie wir sie heute kennen, hatte ihre Anfänge bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Gesetzen gegen Homosexualität zum Trotz gründeten queere Pionier:innen in Städten wie Berlin, London und New York geheime Bars, Cabarets, in denen ausgelassen gefeiert wurde, und sogar Zeitschriften (zum Beispiel Der Eigene in Berlin). Und ganz klar: Jede Untergrundbewegung braucht ihre eigene Sprache. In Großbritannien verschmolzen Jiddisch, Thieves Cant, Cockney und andere lokale Dialekte zu Polari, einem Geheimcode für schwule Männer.

Auf der anderen Seite des großen Teichs begann die Harlem Renaissance und mit ihr die Anfänge der modernen Drag-Kultur. Maskenbälle mit dem Motto „Cross-Dressing“ waren das große Ding und mündeten im Pansy Craze der 1920er- und 1930er-Jahre. Diese blühende Speakeasy-Szene war die Geburtsstätte zahlreicher Begriffe und Ausdrücke, die wir noch heute benutzen. Doch erst in jüngster Zeit sind diese Begriffe und Ausdrücke in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Damit fühlen sich nicht alle in der LGBT-Community wohl. Und das liegt nicht nur daran, dass die Sprache ihre Wurzeln in Untergrundbewegungen hat.

Missverständnisse, Spott, Unterdrückung

Die Beliebtheit von Slang-Begriffen kann zu jeder Menge Missverständnissen führen. Zum Beispiel wenn heterosexuelle Cis-Menschen Wörter wie shade komplett falsch verwenden oder sagen, dass sie sich als Nerd „outen“. Im besten Fall ist das einfach unsensibel, im schlimmsten Fall aber die ganz bewusste Verwendung von LGBT-Begriffen, um sich über queere Menschen lustig zu machen. Und manchmal ist der falsche Gebrauch auch einfach nur peinlich.

Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein: Wenn heterosexuelle Menschen die Begriffe richtig und humorvoll verwenden, kann dabei eine urkomische kulturelle Verschmelzung herauskommen. Zum Beispiel, wenn ein Straight Ally (also sozusagen eine „verbündete heterosexuelle Person”) sich selbst als pillow princess (Bottom in einer lesbischen Beziehung) beschreibt. Oder dieser brillante Schlagabtausch aus der Sitcom Unbreakable Kimmy Schmidt.

Leider ist das Thema Unterdrückung auch heute noch sehr aktuell. LGBT-Menschen erleben immer noch extrem viel und häufig Gewalt, Mord, Armut und Obdachlosigkeit. Vorwürfe zu Slang und kultureller Aneignung kommen meistens auf denselben Punkt zurück: Solange LGBT-Menschen diskriminiert werden, ist die Verwendung ihres Slangs bestenfalls geschmacklos, schlimmstenfalls aber schlicht verletzend.

Aber kann die LGBT-Community diese Begriffe wirklich allein für sich beanspruchen? Oder war sie einfach die erste, die sich diesen Diskurs angeeignet hat?

Das Zauberwort heißt Intersektionalität

Es ist kein Zufall, dass die Drag-Kultur, wie wir sie heute kennen, ihren Ursprung in Harlem hatte, einem Viertel in New York, in dem viele afroamerikanische Menschen leben. Im Gespräch mit dem Magazin Wired unterstreicht der Linguistikprofessor Rusty Barrett die Verbindung zwischen Drag und der schwarzen Community aus New York: „Insbesondere afroamerikanische Frauen galten als starke Frauen. Sie wurden für schwule Männer zum Vorbild, um Weiblichkeit für sich zu beanspruchen und sich gegen die heterosexuellen Vorstellungen von Männlichkeit zu wehren.“ Barrett erklärt, dass viele Drag-Formen von Drag Queens of Color abstammten – kein Wunder also, dass auch viele Drag Slang-Begriffe hier ihren Ursprung hatten.

Aber über welchen Slang sprechen wir hier eigentlich? Laut Wired gehen Begriffe wie reading („beleidigen”) und spilling tea („etwas ausplaudern”) auf afroamerikanische Frauen aus den 1950er-Jahren zurück. Throwing shade („über jmd. lästern”) und voguing (der expressive Tanzstil dieser Community) dagegen, echte Klassiker in der Drag-Kultur, wurden dem breiteren Publikum erst durch den Dokumentarfilm Paris Is Burning bekannt, in der es um die Drag Balls der 1980er-Jahre in New York City ging. Und auch in dieser Szene gibt es viele People of Color. Als Madonna mit ihren Musikvideo für Vogue das Voguing berühmt machte, warfen ihr viele vor, aus der queeren Kultur Profit zu schlagen.

Die Intersektionalität von ethnischer Herkunft und Queer- & Drag Slang hat zu vielen Diskussionen darüber geführt, wer wirklich Anspruch auf diese Begriffe erheben darf. Wenn die Begriffe ihren Ursprung nicht allein in der LGBT-Community haben, wer hat dann das Recht, über ihre Verwendung zu bestimmen? Die Debatte ist besonders heikel, weil sich ein Großteil des Slangs mit Afroamerikanischem Englisch überschneidet, an dem sich die Popkultur jahrzehntelang großzügig bediente.

Afroamerikanisches Englisch: Die Popkultur-Maschine

Das sogenannte AAVE (African American Vernacular English), das Afroamerikanische Englisch also, ist Ursprung für unzählige Slang-Begriffe. Salty, lit, turnt, bae, woke … das sind nur ein paar der vielen Ausdrücke, die man auf das Afroamerikanische Englisch zurückführen kann. AAVE ist also ein echtes Schwergewicht, wenn es um Slang geht. Sobald Begriffe oder Redewendungen beliebt werden, übernehmen andere Communitys sie und nehmen ihnen dabei den Kontext und die Nuancen. Es entsteht neuer Slang, den sich dann wiederum andere aneignen und ersetzen, und so weiter. Wie okay ist es also für Nicht-Schwarze, solche Begriffe zu benutzen?

Wer darf was und warum?

Das hängt wirklich davon ab, wie diese Begriffe verwendet werden und zu welchem Anlass. Es macht einen großen Unterschied, ob du deinen Partner oder deine Partnerin bae nennst oder ob du deine Sprache mit so viel Slang aufpeppst, dass du quasi in einem Code redest. Dann gibt es noch das Thema Aussprache. Slang entsteht im mündlichen Sprachgebrauch, weshalb die Begriffe oft einen bestimmten Akzent oder Dialekt widerspiegeln. Wenn du also ein weißer, englischsprachiger Mensch mit ausgeprägtem regionalen Akzent bist, solltest du dann wirklich statt that dat sagen? Ich habe mehr als eine Diskussion mit Menschen gehabt, die verbales Blackfacing betreiben … Und was ist mit Memes wie dat boi? In diesem Fall sind Aussprache und Klang wirklich anders. Also alles ok.

Dann gibt es da noch die dunkle Macht, die im Hintergrund lauert. Die Verbreitung und Beliebtheit von Afroamerikanischem Englisch hat viel mit dem Marketing bestimmter Unternehmen zu tun. Bereits Jahre bevor Twitter uns lehrte, was es heißt, woke zu sein, wollten Unternehmen unbedingt cool rüberkommen und taten sich deshalb mit Hip-Hop-Stars zusammen. Das Ergebnis waren enorm erfolgreiche Werbekampagnen. Dank Social Media können Unternehmen heute auf Dialekte zugreifen, die ihnen bislang nicht zugänglich waren. Firmen wollen mehr denn je „wie wir“ sein. Und was wäre besser geeignet, um junge Menschen anzusprechen, als ihre Sprache zu sprechen?

Der Punkt ist: Wenn afroamerikanische Menschen AAVE benutzen, wird das oft mit „unerwünschten“ gesellschaftlichen Aspekten assoziiert, wie Armut, Drogen, Gewalt und Gangs. Wenn aber Unternehmen oder weiße Menschen AAVE verwenden, nutzen sie dessen „Coolness-Faktor” für ihren eigenen Gewinn. Und geben im Gegenzug nichts an die Community zurück, die diese Sprache kreiert hat. Yikes.

Die Verschmelzung von Dialekten ist ein natürlicher Prozess

Sprache spiegelt immer die Vermischung gesellschaftlicher Gruppen wider. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Dialekt einer marginalisierten Community einfach in den Mainstream eingeflossen ist. Ein perfektes Beispiel dafür ist Jiddisch, aus dem Begriffe wie Kaff, koscher oder Ramsch in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch übergegangen sind. Dasselbe ist in der Vergangenheit auch einer anderen queeren Sprache passiert: Nachdem Polari Thema in der Radiosendung Round the Horne war, flossen viele Polari-Begriffe wie naff in den modernen britischen Slang ein. Ihr Ursprung als queerer Geheimcode geriet in Vergessenheit (naff bedeutet heute im Englischen so viel wie „geschmacklos“ und war ursprünglich ein Akronym für not available for fucking).

Die Verschmelzung von Dialekten kann für marginalisierte Gruppen sogar von Vorteil sein. Das Polari in Großbritannien schenkte uns Begriffe wie butch und camp, die mittlerweile im internationalen Queer-Lexikon zu finden sind. Wenn wir den Slang aus dem allgemeinen Sprachgebrauch ausschließen, schaden wir vielleicht ungewollt denen, die wir eigentlich schützen wollen. Und natürlich entstand auch das Polari aus der Verschmelzung unterschiedlicher Mundarten von anderen marginalisierten Gruppen.

Trotzdem ist Slang nur der Ausgangspunkt. Kulturelle Aneignung passiert, weil diejenigen, die Macht haben, aus den Gruppen, die sie selbst ausgestoßen haben, Profit schlagen wollen. Indem sie Menschen ausgrenzen (das sogenannte „Othering“), lassen die dominanten Gruppen die Marginalisierten als anders und deshalb begehrenswert erscheinen. Sie wollen sein wie sie, benutzen ihren Slang, um cool zu wirken, und dringen in ihre Räume ein. Doch institutionalisierter Rassismus und Homophobie bleiben bestehen.

Sprache sensibel verwenden und sich gegebenenfalls zurückziehen

In einer perfekten Welt würde die Verschmelzung von gesellschaftlichen Gruppen und Kulturen unweigerlich zur Verschmelzung von Dialekten führen. Das Problem liegt aber – wie immer – in der Unterdrückung. Schwarze Menschen und LGBT-Menschen werden marginalisiert: Ihre Kulturen gelten als unprofessionell, oft leben sie unterhalb der Armutsgrenze und werden verfolgt. Und ja: Wörter sind nur Wörter. Aber solange Menschen immer noch unterdrückt werden, weil sie bestimmten Gruppen angehören, wird der Gebrauch ihrer Umgangssprache durch diejenigen, die oben sind – Weiße, Reiche, Konzerne – immer einen düsteren Unterton haben.

Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, ob der Gebrauch von Afroamerikanischem Englisch oder LGBT- und Drag Slang ethisch korrekt ist. Die Grenze zwischen natürlicher Sprachverschmelzung und kultureller Aneignung ist schmal und gespickt mit institutionalisierter Unterdrückung. Der einzige Rat, den ich geben kann, ist, bedacht und aufmerksam zu handeln. Und wenn jemand sagt, dass du eine rote Linie überschritten hast, höre auf sie. Und gehe einen Schritt zurück.


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Eleanor Tremeer
Eleanor Tremeer schreibt freiberuflich und pendelt zwischen dem Heimatland Großbritannien und Deutschland hin und her. Eleanors Arbeit wurde bereits in renommierten Publikationen wie Empire, Gizmodo (und auf dem Kühlschrank von Tremeers Mutter) veröffentlicht. Zählt man Emoji-Sprache als Sprachkenntnis, könnte man sagen, Eleanor spricht sie flüssig.
Eleanor Tremeer schreibt freiberuflich und pendelt zwischen dem Heimatland Großbritannien und Deutschland hin und her. Eleanors Arbeit wurde bereits in renommierten Publikationen wie Empire, Gizmodo (und auf dem Kühlschrank von Tremeers Mutter) veröffentlicht. Zählt man Emoji-Sprache als Sprachkenntnis, könnte man sagen, Eleanor spricht sie flüssig.

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