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Warum das dänische „Hygge“ mehr als nur Gemütlichkeit bedeutet

In Dänemark macht man es sich auf besondere Art und Weise gemütlich – und man braucht dafür nicht mal unbedingt Kerzen. Wir erklären dir, was „hygge“ ist und wie es die dänische Kultur prägt.
Artikel Von Birte Dreier
Warum das dänische  „Hygge“ mehr als nur Gemütlichkeit bedeutet

Hygge – das dänische Wort für Gemütlichkeit und sein Adjektiv hyggelig haben es im letzten Jahr rund um den Globus geschafft. Der Guardian, die Huffington Post, die Süddeutsche Zeitung und zuletzt auch die New York Times schreiben über hygge und warum es der Schlüssel zum (dänischen) Glück sei. Kein Wunder, da doch die Däninnen und Dänen immer wieder zur glücklichsten Nation der Welt gekürt werden!

Hygge hat zudem bereits einen Eintrag im Oxford English Dictionary, dem englischen Duden, und schaffte es sogar auf die Nominierungsliste zum Wort des Jahres 2016. Das Oxford English Dictionary definiert hygge als Form der Gemütlichkeit, die ein Gefühl von Zufriedenheit und Wohlbefinden hervorruft und als bestimmende Eigenschaft dänischer Kultur angesehen wird. In vielen Artikeln zum Thema hygge geht es außerdem um Kerzen, Tee und Wollsocken, aber auch um das Zusammensein mit anderen.

Klingt doch alles irgendwie genau nach dem, was man im Deutschen mit Gemütlichkeit bezeichnen würde. Was aber ist das Besondere an hygge und wie findet es das dänische Volk eigentlich selbst?

Hygge ist mehr als nur Kerzenschein

Hygge ist nicht einfach Gemütlichkeit, sondern ein fester Bestandteil dänischer Kultur und eine wichtige Vokabel im dänischen Sprachgebrauch. Hygge und seine Ableitungen sind kurz gesagt von größerer Bedeutung als das gemütliche Beisammensein mit Menschen, die einem lieb sind. Feste Ausdrücke wie Hyggeligt at møde dig („Nett dich kennenzulernen“) werden auch (und wahrscheinlich meistens) in Situationen benutzt, die weder Kerzen noch Wollsocken involvieren.

Und auch wenn man seine Kinder zum Spielen bei befreundeten Personen lässt, meint man mit Hyg jer! („Macht es euch gemütlich!“) sicherlich nicht: Macht euch Kerzen an und verkriecht euch unter der Sofadecke. Vielmehr ist damit gemeint: „Habt Spaß und fühlt euch wohl!” (und das geht zum Beispiel auch beim Computerspielen).

Die Gegenspieler von hygge und hyggelig sind übrigens nicht, wie man denken könnte, uhygge und uhyggelig. Beide Wörter existieren, bedeuten aber „Furcht“ und „schaurig, gruselig“. Hyggelig und uhyggelig müssen sich dabei keineswegs ausschließen. Man kann sich zum Beispiel durchaus auf einen hyggelig aften („gemütlicher Abend“) mit einem uhyggelig film („gruseliger Film“) freuen.

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Sprache als Spiegel der kulturellen Realität

Es ist übrigens nicht so verwunderlich, dass hygge seine Spuren in der dänischen Sprache hinterlassen hat. Sprache ist immer ein Spiegel derjenigen Menschen und Gemeinschaften, die sie zur Kommunikation im Alltag verwenden. Neue Wörter entstehen, wenn eine Sprachgemeinschaft neue Phänomene oder Dinge beschreiben muss – die Wörter Smartphone, Tablet oder WLAN sind gute Beispiele dafür. Andere Wörter wie Aussteuer, Fernsprecher oder Dampflok verschwinden dagegen aus dem alltäglichen Sprachgebrauch, weil das, was sie beschreiben, keine tragende Rolle mehr im Alltag spielt.

Wörter oder sprachliche Konzepte reflektieren also auch immer die Kulturgeschichte einer Sprachgemeinschaft. Der dänische Sprachwissenschaftler Carsten Levisen schreibt zum Beispiel in seiner Doktorarbeit über etwa 20 Wörter, die er als Schlüsselkonzepte der dänischen Sprache und Kultur definiert. Darunter sind Wörter wie hygge („Gemütlichkeit“), lykke („Glück“), jantelov („Jantes Gesetz“) oder tryghed („Sicherheit, Geborgenheit“), die als sprachliche Konzepte eine wichtige Bedeutung für die dänische Kultur und das dänische Selbstverständnis einnehmen.

Hygge ist nicht gleich hygge

In dänischen Wörterbüchern werden „innere Ruhe“ und „Wohlbefinden“ als Synonyme für hygge angegeben. Dieser Zustand lässt sich wohl auf unterschiedlichste Art und Weise erreichen. Statt eines massenfähigen Exportschlagers ist hygge darum vielmehr ein individuelles Gefühl, was auch unter Dän:innen nicht unbedingt einstimmig definiert werden kann.

Der dänische Anthropologe Jeppe Linnet beschäftigt sich seit Jahren mit dem Konzept hygge und hat dabei festgestellt, dass die Bedeutung des Wortes abhängig vom sozialen Umfeld ist. Kurz gesagt machen es sich Menschen mit wenig Geld anders gemütlich als Menschen mit viel Geld. Und während für die einen der Besuch eines Spiels des örtlichen Handballvereins mit Freunden einen hohen hygge-Faktor hat, so ist dies für die anderen vielleicht die neueste Inszenierung am Kopenhagener Theater.

Eines haben die verschiedenen hygge-Szenarien jedoch meist gemeinsam: eine sichere Umgebung, Menschen, die man kennt und mag, und leckeres Essen und Trinken. Was das im Einzelnen bedeutet, ist für jeden Menschen anders und kann daher nicht per se definiert, geschweige denn visualisiert werden (die Suche nach einem passenden Foto für diesen Text hat sich demnach so gut wie unmöglich gestaltet).

Hygge – ein Gefühl, das man nicht übersetzen kann?

Illustration zum Thema Hygge, dem dänischen Wort für Gemütlichkeit

So direkt kann man das nicht sagen. Das Wort hygge lässt sich prima in andere Sprachen übersetzen und viele Sprachen haben Worte, die einem Synonym für hygge nahe kommen. Auch ein Teil des Konzepts lässt sich übertragen. Der Teil von hygge, der Sicherheit, Gleichheit und Gemeinschaft reflektiert, findet sich so allerdings nur in der dänischen Sprache und spiegelt einen wichtigen Teil des dänischen Selbstverständnisses wider. Dieser Teil von hygge lässt sich nicht übersetzen und wird von jedem individuell empfunden. Was wäre hygge für dich?

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Birte Dreier
Birte Dreier wuchs in der ostwestfälischen Metropole Bielefeld auf (na gibt's denn sowas!) und verbrachte schon in ihrer Kindheit die Sommer in Dänemark. Nach dem Studium der Skandinavistik in Berlin zog sie deshalb auch nach Kopenhagen und bezeichnet die dänische Hauptstadt seitdem als ihre zweite Heimat. Wieder zurück in Berlin arbeitet sie nun bei Babbel daran, jede und jeden von der Schönheit der dänischen Sprache zu überzeugen.
Birte Dreier wuchs in der ostwestfälischen Metropole Bielefeld auf (na gibt's denn sowas!) und verbrachte schon in ihrer Kindheit die Sommer in Dänemark. Nach dem Studium der Skandinavistik in Berlin zog sie deshalb auch nach Kopenhagen und bezeichnet die dänische Hauptstadt seitdem als ihre zweite Heimat. Wieder zurück in Berlin arbeitet sie nun bei Babbel daran, jede und jeden von der Schönheit der dänischen Sprache zu überzeugen.

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